Rumtreiber
BLOGEINTRAG #19 - WELTREISETAG 77 - 83

Medellín

20. - 25. 07.2019 - die Wiederauferstehung einer Kulturhauptstadt
Wie ein Phoenix aus der Asche ...
Medellín - definitiv eine Stadt mit Geschichte ... vor allem mit dunkler Geschichte. In den 90ern galt die Metropole als gefährlichste Stadt der Welt - zur Drogenhauptstadt verkommen und mit sage und schreibe 45.000 Mordopfern & unzähligen Vermissten zwischen 1990-1999 hielt Medellín lange diesen traurigen Rekord. Pablo Escobar, die linke Guerilla-Bewegung FARC sowie rechte Paramilitärs hatten die Stadt zum Schlachtfeld erklärt.
    Auch nach dem Tod Escobars 1993 ebbte die Gewaltwelle nicht wirklich ab, was sich erst nach einer staatlich organisierten Militäroperation und „Säuberung" namens „Operación Orión“ der betroffenen Stadtteile (wie die Comuna 13) änderte. Auch wenn dieser Schritt Medellín wahrscheinlich zum Start in eine neue Zeit verholfen hat, sind doch viele Zivilisten dabei umgekommen. Außerdem werden noch heute auf der nahegelegenen Müllhalde Leichenteile von Vermissten gefunden. Da gibt's also noch viel aufzuarbeiten.
      Noch heute suchen die Stadtbewohner nach ihren vermissten Angehörigen
      Nichts desto trotz hat Medellín einen Wandel sondergleichen vollzogen - vom Drogen- und Gewalt-Moloch zur „In"-Stadt. Probleme herrschen hier immer noch aber es ist kein Vergleich zu den 90ern und darauf sind die Kolumbianer wirklich (und verdientermaßen) stolz. Die Stadt kann sich auch durchaus sehen lassen - viel Grün, viel Kultur und sehr nette Menschen prägen das Bild. Der Stadtteil Poblado, der den Medellínern als Ausgehviertel und den Touristen als Anlaufstelle dient, strotzt nur so vor Natur und schönen kleinen Cafés und Restaurants.
        Nach unserem Pickup vom Medellíner Flughafen mit Hilfe eines „halb illegalen“ UBER-Gefährts (auf diesen Punkt kommen wir später noch einmal zurück) fahren wir in die Stadt ein und sind schon direkt hellauf begeistert von dem, was wir sehen ... grüne Straßen, gemütliche Cafés, südamerikanisches Flair ... Wir kommen im „Hostel Cocobamboo" mitten in Poblado unter, was wir wirklich sehr empfehlen können, denn die Mitarbeiter sind grandios! Andres und Jorge stehen den Gästen wirklich mit Rat und Tat zur Seite, wenn es darum geht, Dinge zu organisieren oder bei Fragen auszuhelfen. Nach Einzug in unser kleines Zimmerchen geht's erst mal zu Fuß auf Erkundungstour durch das wunderschöne Viertel, um den anstrengenden Anreisetag mit einem Willkommensbierchen abzuschließen.
          Comuna 13: wie sich ein Stadtteil vom „Kriegsschauplatz“ zum Künstlerviertel entwickelt hat
          Wir nehmen direkt am Folgetag unserer Ankunft an einer Free-Walking-Tour durch die „berüchtigte Comuna 13“ teil, dem gefährlichsten Stadtteil seinerzeit. Am Treffpunkt zur Tour herrscht ganz schön Verkehr - die Nachfrage scheint groß zu sein und unsere Spannung steigt minütlich.
            Laura, unsere Tourführerin, ist in der Comuna 13 groß geworden und hat die ganze Entwicklung dieses Bezirks am eigenen Leib erlebt - dieser Umstand lässt das Erzählte für uns Zuhörer noch lebendiger wirken. Unser Weg führt uns durch Graffiti-gesäumte Straßenzüge, auf denen sich lokale Künstler verewigt und ihre Erinnerungen, Gefühle und Erlebnisse ausgedrückt haben.
              Einfach skurril: Über die weltbekannte Rolltreppe, die sich wie ein Tausenfüßler den Weg durch das steile Wohnviertel bahnt, gelangen wir ins Herz der Comuna 13. Sie wurde in 2010 „vom Stapel“ gelassen, um den Bewohnern den täglichen Aufstieg von bis zu 28 Stockwerken zu ersparen. Die 6 Rolltreppen, die sich über 384 Meter den Berg hinauf schlängeln, sind kostenfrei nutzbar und haben den Menschen definitiv eine verbesserte Lebensqualität ermöglicht.
                Überall sind Hinweise auf zahlreiche Sozialprojekte zu finden - Medellín hat seit des Umbruchs mit Hilfe unterstützender Länder (u.A. auch Deutschland) extrem viele Projekte gestartet, die der Stadt und vor allem den Menschen wieder auf die Füße geholfen haben. Und die Bewohner selbst arbeiten ebenfalls stetig an der Verbesserung der Lebensbedingungen und Reputation des Viertels.
                  Wir treffen auf unserem Weg nach „oben“ auf eine wirklich talentierte Tanztruppe, die für die Besucher eine beeindruckende Choreo auf’s Parkett legt. Auch sie gehören zu einer Projektgruppe, die Jugendliche von der Straße holt und für kreative Beschäftigungen - wie Tanzen - begeistert.
                    Die Comuna 13 hat immer noch mit Kriminalität zu kämpfen - aber vor 15 Jahren wäre kein Spaziergang durch dieses Viertel, das mittlerweile über viele Galerien & Restaurants verfügt, möglich gewesen ohne das man es wieder in einer Holzkiste verlassen hätte. Die verwinkelten Gassen waren durchzogen von „unsichtbaren“ Grenzen, die bei Übertritt als Außenseiter mit dem Tode bestraft wurden. Die Tour ist sehr emotional denn auch Laura hat viel Gewalt gesehen und Menschen verloren. Deshalb kämpft sie auch bis heute um die Aufklärung vieler Vermisstenfälle und versucht, die Comuna 13 nachhaltig zu einem besseren Ort zu machen - auch in dem sie uns zeigt, wie schön dieser Stadtteil doch sein kann.
                      Photo by Jacob
                      Photo by Jacob
                      Photo by Marion
                      Photo by Shifaaz
                      Photo by Jason
                      Auf der Terrasse von Lauras Schwester, die dort die Tourankömmlinge mit leckeren süßen Empanadas und frisch gepressten Säften empfängt, endet der bewegende Ausflug. Mit einem Blick über das bunte Viertel, vielen Eindrücken und Emotionen lassen wir das Gesehene und Gehörte noch auf uns wirken und zollen den Menschen hier großen Respekt, dass sie es geschafft haben, die Comuna 13 wieder „auferstehen“ zu lassen.
                        Wie die Made im Speck!
                        Im Anschluss an unsere Tour gehen wir schön essen - in Poblado kein Problem! Wir können uns kaum entscheiden bei DER Auswahl an kulinarischen Köstlichkeiten - nach 2,5 Monaten Lateinamerika gönnen wir uns mal wieder europäische und japanische Küche ... ein Traum! Generell „fressen“ wir uns hier wirklich wie die Geisteskranken durch die Gassen - auch veganes Gyros ist vor uns nicht sicher. Es muss alles ausprobiert werden!
                          Ein bisschen Platz hat’s im Bauch ja schon noch ... also genehmigen wir uns noch das ein oder andere Absackerbierchen bevor wir unsere Plautzen Richtung Hostel in Bewegung setzen. Genügend Bars - zum Teil sogar mit eigener DJ Mukke - gibt's ja hier wie Sand am karibischen Meer.
                            Stairway to Heaven
                            Nach 2 Tagen verlassen wir Medellín für einen kurzen Moment und reisen nach Guatapé, was ca. 2 Stunden entfernt ist. Bevor wir starten, fragen wir mal wieder Andres, einer der Hostelmitarbeiter, nach der praktikabelsten Möglichkeit, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Guatapé zu gelangen. Andres teilt uns mit, dass er sowieso bald Feierabend hat und uns auf seinem Heimweg außerhalb Medellíns an einer Bushaltestelle absetzen kann. So würden wir uns eine lange, verkehrsreiche Reise durch die Stadt sparen. Wir genießen die Gespräche während der Fahrt sehr mit ihm - Andres zeigt uns sogar die hübsche Gegend, in der er lebt, allerdings stellen wir fest, dass der Arme einen Umweg von einer Stunde wegen uns fährt. Wir bedanken uns zutiefst für diese tolle Geste. Andres hingegen sieht das ganz entspannt und hat sich gefreut, mit uns über Gott, die Welt und vor allem Fußball zu reden. Tatsächlich bietet er uns sogar an, ihn demnächst zu einem Spiel zu begleiten, allerdings werden wir dann schon wieder abgereist sein. Aber sollten wir irgendwann wieder nach Kolumbien reisen, steht dieses gemeinsame Event mit Andres definitiv auf dem Plan!

                            Andres bei seiner Lieblingsbeschäftigung:
                            sein Team im Stadion anfeuern
                            In Guatapé angekommen, flanieren wir nach dem Check-In in unser supersüßes Hotel „El Paisaje“ erst mal durch die farbenfrohen Gassen und gehen nett in einem kleinen vegetarischen Restaurant essen, wo wir lustiger Weise noch eine Deutsche kennenlernen, die dort kellnert. Das Örtchen ist bekannt für seine kunterbunten Fassaden und zum Glück ist hier gerade nicht viel los denn an den Wochenenden platzen die Straßen aus allen Nähten, da die Kolumbianer das Gebiet gerne zur Erholung nutzen.
                              Guatapé besticht nämlich nicht alleine durch das Stadtbild sondern vor allem durch seine unvergleichliche Landschaft, die sich dort durch den angelegten Stausee gebildet hat. Besonders gut kann man diesen Anblick vom Fels „El Peñol" genießen, den man aber vorher erst mal mit den knapp 700 Treppenstufen erklimmen muss.
                                Gesagt - getan! Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, fahren mit dem öffentlichen Bus zur nächstgelegenen Haltestelle und klettern nach einigen Startschwierigkeiten (wir konnten diesen verdammten „Eingang" nicht finden) für schlappe 5 EUR/Person den Monolith hinauf - eine schweißtreibende Angelegenheit.
                                  Puh! Geschafft! Nachdem der brennende Schweiß aus den Augen gerieben ist, so dass wir wieder etwas sehen können, bewundern wir den atemberaubenden Anblick der unvergleichlichen Landschaft Guatapés aus luftiger Höhe.
                                  Der Abstieg gestaltet sich doch wesentlich leichter, weshalb wir recht schnell wieder an der Hauptstraße ankommen und uns für den Fußweg zurück entscheiden, der ca. 1 Stunde dauert. In Guatapé angekommen, plagt uns mittlerweile der Hunger - schließlich haben wir schon gefühlt den Mount Everest erklommen und das auf nüchternen Magen! Ein kleines veganes Restaurant mit 2 Sitzplätzen an einem alten Fass kann hier Abhilfe schaffen. Der Falafel-Burger wird als der beste in ganz Kolumbien angepriesen ... und scheinbar ist er das auch, denn Adi stimmt mit engelsgleicher Stimme und voller Futter-Euphorie in eine alte Rockballade der Scorpions ein, die im Restaurant gespielt wird. Wenn das mal kein Qualitätsbeweis ist!
                                  Am Nachmittag geht's dann wieder zurück nach Medellín. Am Ankunftsbahnhof versuchen wir vergeblich, ein UBER-Taxi zu rufen ... UBER hat in Medellín keinen wirklich guten Ruf, denn die Stadt versucht, dieses Geschäftsmodell mit allen Mitteln zu verhindern. Mal hört man, es sei verboten - mal bekommt man mit, dass der Dienst einfach nicht gern gesehen ist. Das Problem ist, dass die Fahrer bspw. nicht in die Bahnhöfe und Flughäfen einfahren dürfen. Die regulären Taxen bieten allerdings auch faire Preise an bzw. fahren mit dem Taxometer. Vielleicht ist dieser Weg dann doch die bessere Alternative in dieser Stadt.
                                    In Poblado ist an diesem Abend die Hölle los denn die Kolumbianer feiern ihren Unabhängigkeitstag in diesem Stadtteil nach, der übrigens bereits am 20.07. offiziell stattfand. Fress-Stände, Tanzdarbietungen und Live-Konzerte reihen sich an einander. Wir fließen mit der Menge durch das bunte Treiben und genießen die Party-Stimmung, denn feiern können sie, die Kolumbianer!
                                      Unser letzter Tag in Medellín bricht an - heute haben wir uns noch mal ein bisschen Programm vorgenommen. Aber zuerst gönnen wir uns in den frühen Morgenstunden einen Kaffee in den Straßen Poblados, das sich nach der durchfeierten Nacht noch im Dornröschen-Schlaf befindet.
                                        Poblado erwacht: der schöne Stadtteil im Morgendunst
                                        Unser erstes Ziel führt uns mit dem wirklich gut ausgebauten Metronetz zur Seilbahn „Metro Cable“, die uns in luftige Höhen zum riesigen „Parque Arvi“ oberhalb der Stadt befördern wird. Auch hier hat uns wieder der hilfsbereite Andres aus unserem Hostel mit einer tollen Karte ausgeholfen, die alle wichtigen Infos zur Anfahrt enthält.
                                          Es ist schon lustig, in dieser Stadt via Rolltreppe oder auch Seilbahn zu verschiedenen Destinationen zu gelangen. Für Medellín sind diese Transportmittel Alltag und verbinden oft schwer zugängliche Stadtteile mit dem allgemeinen Verkehrsnetz - wie schon erwähnt, hat sich die Lebensqualität dadurch in vielen Bezirken stark verbessert. Da sieht man mal wieder, wie wichtig Mobilität und Anbindung sind.

                                          Der Park ist riesig! Da wir heute noch einiges auf „der Uhr“ haben, machen wir nur einen kurzen Spaziergang bevor wir unser nächstes Ziel ansteuern. Aber für Besucher ohne Zeitdruck sei gesagt: nehmt die Wanderschuhe und etwas Verpflegung mit, denn hier kann man sich gut und gerne den ganzen Tag aufhalten.
                                          Nach unserem Parkausflug verschlägt es uns in den botanischen Garten im Universitätsbezirk der Stadt. Die Anlage ist der Hammer und wir genießen lange Spaziergänge durch den Garten und anschließend die Sonne bei einem leckeren Saft und frischen Arepas, einem typisch kolumbianischen „Auf die Hand"-Gericht.
                                            Wir lassen den wunderschönen Botanischen Garten hinter uns und haben noch ein letztes ToDo auf der Uhr ... denn so wirklich haben wir uns - bewusst - noch nicht mit dem wohl bekanntesten Protagonisten beschäftigt, der mit dieser eindrucksvollen Stadt stets in Verbindung gebracht wird:
                                            Pablo Escobar.

                                            Die Kolumbianer haben ein sehr gespaltenes Verhältnis zu ihm - die meisten wollen seinen Namen gar nicht erst hören und verbinden nur Schmerz und Elend mit Escobar. Deshalb sollte man als Besucher in diesem Land nicht wirklich proaktiv ein Gespräch über ihn vom Zaun brechen. Andere wiederum verherrlichen Pablo und feiern ihn als eine Art „Robin Hood“ in verklärter Nostalgie. Bewusst haben wir uns gegen die in Medellín üblichen „Narcos“-Touren entschieden, weil wir eher die Menschen kennengelernt haben, die durch ihn viel Leid erfahren mussten. Trotzdem spazieren wir an diesem Abend an seinem ehemaligen Wohnhaus vorbei, welches von Escobars Familie heute als „Museum“ betrieben wird. Hinein gehen möchten wir nicht obwohl uns die Mitarbeiter mehrfach freundlich zum Eintritt auffordern. Aber es reicht der kurze Blick, um für uns nach 5 Minuten Aufmerksamkeit das Kapitel „Pablo“ in Medellín abschließen zu können.
                                            Escobars ehemaliger Wohnsitz in Medellín, der heute als Museum betrieben wird
                                            Mit dem letzten Abend verhageln wir noch mal schön unser Reisebudget denn wir lassen es kulinarisch noch mal richtig krachen! Im Restaurant „Verdeo“ futtern wir uns quer durch die Speisekarte - ohne Rücksicht auf Verluste ...
                                              In einer wunderbar schrulligen Gin-Bar in unserer Hostel-Straße heben wir abschließend das Glas auf unsere tolle Zeit hier. Die Gin-Tonics sind lecker und sehr liebevoll hergerichtet, weshalb wir uns nach einer Runde noch eine zweite gönnen.
                                                „Sehenden Auges ins Budget-Unglück gerast", könnte man sagen aber uns ist es heute Abend egal denn wir haben die Stadt zu unserer Lieblingsmetropole in Südamerika auserkoren - darauf muss man anstoßen! Und uns klingen immer noch die Worte der Medellíner in den Ohren: „Bitte erinnert Euch an Medellín nicht wegen der dunklen Historie, wegen Escobar oder der FARC ... erinnert Euch an Medellín wegen der Schönheit, des ewigen Frühlings und der Freude, die Ihr hier empfunden habt."

                                                ... liebes Medellín, das tun wir!



                                                  Der passende Vlog folgt in Kürze ...
                                                  Made on
                                                  Tilda